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Falsche Tränen, blinde Wut
erschienen in: Der Standard

14. September 2009

von Veronika Seyr


Die Attacken des Schriftstellers Robert Menasse gegen das kulturpolitische Selbstverständnis des Außenministeriums als Gratwanderung zwischen Realitätsverweigerung und Verunglimpfung: eine Replik - Von Veronika Seyr Es liegt mir fern, einen österreichischen Kulturbeamten vor der Wortgewalt eines Schriftstellers in Schutz zu nehmen, vor allem, wenn Kritik gerechtfertigt ist. Und das ist es fast immer, denn in der Kulturpolitik kann man es bekanntlich nie allen recht machen. Aber im Fall der Menasse'schen Ausschüttung von Gift und Galle über den Leiter der Kultursektion im Außenministerium, Emil Brix („Wie eine Kulturnation ihre Kultur verkauft", Standard 12. 9.) möchte ich doch ein paar Dinge ins Lot rücken. Robert Menasse nennt vier Beispiele für die angebliche „Zerstörung von kulturpolitischer Infrastruktur im Ausland" - Paris, Rio, Kiew und Warschau - und haut sie der Kultursektion um die Ohren. Ich begnüge mich mit einem Beispiel, Moskau/Belarus, das ich allerdings gut genug kenne, um zu zeigen, wie viel sich durch die Aufwertung der Kulturabteilungen zu Kulturforen zum Positiven verändert hat.


Ich war von 1998 an Kulturrätin an der österreichischen Botschaft Moskau und ab 2000 Direktorin des Kulturforums (KF). Das war aber nicht einfach eine Umbenennung, sondern das KF Moskau wurde damals, wie auch andere, zum ersten Mal mit einem einigermaßen seriösen Budget ausgestattet, d.h. verdreifacht gegenüber dem der vorherigen Kulturabteilung der Botschaft; als Leiterin erhielt ich Programm- und Budgethoheit, zwei Mitarbeiterinnen und großzügige Räumlichkeiten innerhalb der Botschaft, keinen Kulturpalast. Mehr Budget und ein eigenes Gebäude sind immer wünschenswert, können aber sicher nicht Elan, Erfindungsgeist und Freizügigkeit ersetzen.

Es hat sich „ausgewaggerlt"

Ebenso kühn ist Menasses Behauptung, dass diese Reform im Zeichen des „Kaputtsparens" gestanden und eine Ausgeburt der unsäglichen schwarz-blauen Koalition gewesen sei. Dem Außenministerium ist in hundert Jahren nichts Besseres passiert. Dass sich die Anzahl der Kulturforen seither verdoppelt und die der Österreich-Bibliotheken verdreifacht hat, ist der Homepage des Außenministeriums zu entnehmen.

Das entscheidende Verdienst der Reform ab 2000 bestand darin, Österreich endlich abseits von Mozartkugeln und Strauß-Schanis präsentieren zu dürfen - stattdessen mit Freud, Kafka und Schönberg, mit Schlag, Schmatz, Schindel und Haas, mit Aaron-Quartett, Kupferblum, Tanzquartier, und Vienna Art Orchestra. Es hat sich längst ausgewaggerlt, ausgeweinhebert und ausgewienerwaldsängert seither, das hätte auch Herr Menasse auf seinen Lesereisen feststellen können. Mag sein, dass da noch die eine oder andere Troglodyten-Exzellenz herumläuft und nach den Sängerknaben giert, um im Schatten der Matrosenkrägen seine Eitelkeiten zu kühlen, aber Geld dafür hat ein solcher von der heutigen Kultursektion mit Sicherheit nicht bekommen. Mühsam, aber immer erfolgreicher wurde abgestellt, dass Bürgermeister nach Intervention durch „ihren" Abgeordneten Schützenvereine, Tamburizza-Gruppen, Kinderchöre und Weinverköstigungen als die österreichische Kultur in der Welt repräsentieren ließen, und dafür gesorgt, dass etwa das Schönberg-Center in der St. Petersburger Eremitage oder junge Studenten vom Schillerplatz auf der Art Moskwa ihre Schau bekamen. Und die Freiheit, Abos etwa für Falter, Standard, Zwischenwelt, Literatur & Kritik und Volltext kostenlos und in großer Anzahl zur Verteilung im ganzen Land bestellen zu dürfen, kam einer Revolution gleich und einem Aufatmen wie nach dem Vormärz. Der Fortschritt in der Kulturpolitik kommt langsam und auf leisen Sohlen, aber nachhaltig, wie Kultur eben wirkt. Und ich bin mit Emil Brix d'accord, dass man sich unterschiedliche Geschichtsbilder gemeinsam anschauen, die Grenzen im Kopf befragen und auflösen und Geschichtsbücher einander gegenüberstellen soll; das hat absolut nichts mit Kolonial-Herrentum zu tun, wie es Menasse unterstellt.

Begegnungen von ehemaligen sowjetischen Soldaten mit österreichischen Kriegsteilnehmern auf russischen Soldatenfriedhöfen und auf dem von Jennersdorf; oder: ein von der Gemeinde Wien gemeinsam mit russischen Experten erstelltes Geschichtsbuch über den Holocaust und den sowjetischen Antisemitismus, approbiert für die 7. bis 8. russischen Schulstufen, mitfinanziert und vertrieben vom Außenamt - das sind Kulturereignisse. Ganz ohne Kulturpaläste. Wie wertlos und unfruchtbar erscheinen dagegen Menasses Krokodilstränen über die verscherbelten, gebauten oder nicht gebauten Kulturpalais. Und wo, bitte, hat der Autor die „Kulturbürokraten" verzweifelt oder zähneknirschend in ihren Abstellkammerln herumsitzen und auf das Botschafterdekret warten gesehen? Ich konnte solche in acht Jahren nirgendwo entdecken. Gleichzeitig mit mir wurde eine ganze Reihe von Ministeriums-Quereinsteigern an große und kleinere Botschaften bzw. Kulturforen bestellt, die alles andere im Sinn hatten, als Exzellenzen zu werden. Faktum ist: Seit 2000 ging ein Modernisierungsschub durch die Kultursektion, der als ein Mehr an Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der KF zu spüren war und dessen Leitern gegenüber der Zentrale wie auch gegenüber der Botschaftsbürokratie den Rücken stärkte. Den beiden Botschaftern während meiner Jahre in Moskau war klar, dass Österreich im riesigen Russland nur mit Kultur reüssieren könne und unterstützen die Arbeit des KF Moskau mit aller Kraft. Beide Botschafter pflegten enge und persönliche Kontakte mit Alt- und allen anderen Österreichern, die entweder dort studierten, arbeiteten oder auf Besuch im KF weilten.

In diesen acht Jahren waren es nicht hunderte, sondern tausende österreichische Künstler und Wissenschafter, die zu Vorträgen, Archivarbeiten, Lesungen, Schreibstipendien, Gastspielen, Konzerten, Ausstellungen und Workshops in 27 russischen und belarussischen Städten eingeladen waren, und wenn in Moskau, immer auch in der Botschaft. Der Verkauf des Pariser Kulturinstituts ist und bleibt eine Schande, wurde als solche und als kulturpolitischer und wirtschaftlicher Schwachsinn von den dafür Nichtverantwortlichen im Außenministerium oft und öffentlich bedauert, ist aber ein so alter Hut, dass es Robert Menasse peinlich sein müsste, darauf herumzureiten; Ähnliches gilt für seine Wortklauberei bezüglich des neu zu erbauenden Kulturforums in Kiew. Um mit Brechts Keuner-Geschichten zu antworten: Das ist die Form, aber wo ist der Inhalt?

„No bricks, more clicks"

Wie gerne hätten die Kulturforen übrigens auch nur ein Prozent der im New Yorker KF verbauten Summe jährlich mehr an Budget erhalten, um noch mehr österreichische Künstler einladen, noch mehr Bücher übersetzen, die Österreich-Bibliotheken großzügiger ausstatten oder Festival-Kooperationen besser unterstützen zu können. Die Welthauptstädte mit österreichischen Kulturpalais zu überziehen, ist das der Menasse'sche Traum von einer idealen Kulturpolitik? Das hieße, das Pferd verkehrt herum aufzuzäumen. Denn je mehr gebaut wird, je mehr eigene Häuser finanziert und bespielt werden, desto weniger bekommen die Künstler und Wissenschafter, so sieht die Wirklichkeit aus. "No bricks, more clicks" hieß die Losung für Moskau, als man sich gegen den Erwerb eines - zugegebenermaßen sehr noblen und repräsentativen - Gebäudes für das Kulturforum entschied. Zum Glück, wie ich meine. Denn die Präsenz der Kulturnation Österreich im Ausland wird nicht an den schicken Immobilien in bester Lage gemessen und wahrgenommen, sondern an der Qualität ihrer Künstler. Und da braucht sich Österreich sicherlich nicht zu verstecken.

DER STANDARD, Printausgabe, 15.9.2009

Zur Person:
Veronika Seyr war von 1998 bis 2005 Kulturrätin in Moskau.





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