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Ein Koffer namens Österreich
erschienen in: Die Presse

15.01.2010 | 18:29 | Von Wolfgang Müller-Funk (Die Presse)


Sie hat aus Österreich erst Österreich gemacht: unsere Anti-Heimatliteratur®. Jetzt kommt sie in die Jahre. Was nun? Was folgt?

Zur Zukunft der österreichischen Literatur. Vor etlichen Monaten habe ichmeinen Arbeitsplatz verlegt, von Wien nach Gießen. Und bei diesem so leibhaftigen wie symbolischen Transfer ist etwas sehr Merkwürdiges, ja Mysteriöses geschehen. Die österreichische Literatur ist nämlich abhandengekommen. Ort des Geschehens: die Germanistische Fachbibliothek der Justus-Liebig-Universität. Nicht nur, dass ich Autoren, die nicht nur zeitlich zusammengehören, unter gänzlich verschiedenen Kategorien suchen musste, Doderer und Zweig unter Symbolismus, Kafka unter Expressionismus, Musil und Horváth gehörten noch einmal in eine je andere Kategorie. Diese für einen österreichischen Betrachter unsensible Schubladisierung ist aber nur die eine Seite der Medaille, die andere ist, dass es in der Bibliothek gar keine Kategorie wie österreichische Literatur zu geben scheint. Die Umbenennung der deutschen in die deutschsprachige Literatur – der Singular zeigt das schon an – hat daran nicht merklich etwas geändert.


Die österreichische Literatur gibt es nur in Österreich – und auch da scheint sie eher ein Auslaufmodell zu sein, die Angelegenheit einer Handvoll Spezialisten. Symptomatisch ist dabei, dass die meisten umfangreichen Studien zur österreichischen Literatur und Kultur von der oftmals herablassend behandelten sogenannten Auslandsgermanistik stammen: Magris, Schorske, Le Rider wären da an vorderster Stelle zu nennen, und es gibt zahlreiche englische, amerikanische und natürlich zentraleuropäische Germanistinnen und Germanisten, die sich an einzelne Themen zur österreichischen Literatur und Kultur herangewagt haben.

Wendelin Schmidt-Dengler hatte einen zentraleuropäischen, kroatisch-österreichischen Familienhintergrund, Klaus Zeyringer lehrt seit vielen Jahren in Frankreich. Es bedarf offenkundig einer gewissen Außenperspektive, um die spezifischen Differenzen wahrnehmen zu können und überhaupt nachvollziehen zukönnen, dass es eine österreichische Literatur gibt. Womöglich hängt das damit zusammen, dass – ungeachtet neuer Konzepte von Kultur – Sprache noch immer als zentrale Definitionskategorie angesehen wird, sodass die österreichische Literatur dann nicht mehr ist als ein bloßer „Dialekt“ im Konzert des Deutschen.

Franz Schuh hat dieses Problem auf einem sehr hohen sprachlichen Niveau auf den Punkt gebracht, wenn er – das Problem selbstkritisch wendend – in einem Aufsatz aus dem Jahre 1987, also zwei Jahre vor der Wende 1989, schrieb: „Die Sprache, die wir führen, ist leider wenig geeignet, die wirklichen Dimensionen unseres Landes auszusprechen. Im Vergleich zur Realität wird ihr, der Sprache, alles leicht zum Mythos, zum Fetisch. Eine Infinitesimalrhetorik höchster Langsamkeit im Rahmen unendlicher Beschränkungen wäre vonnöten.“ Man tut gut daran, die Aufsätze und Kontroversen aus dieser Zeit zu lesen, um zu begreifen, was es mit dieser österreichischen Literatur und ihren feinen sub-sprachlichen Nuancen auf sich hatte und vielleicht noch hat.

Ob es eine österreichische Literatur gibt, ob sie eventuell ein kurzlebiges Nachkriegsphänomen gewesen ist, das mit der „Erfindung“ der österreichischen Nation Hand in Hand ging, ist bis heute eine unhintergehbare Frage geblieben. Nach den offensiven Versuchen in der österreichischen Nachkriegsgermanistik (insbesondere nach 1968), durch Forschungsschwerpunkte, Kanonbildung und entsprechende Buchreihen eine spezifisch österreichische Nationalliteratur zu konstituieren, ist es seit den 1990er-Jahren wieder stiller um dieses „Unternehmen“ geworden, das nicht zuletzt auch von entsprechenden kulturpolitischen Maßnahmen, etwa der Schaffung der Österreich-Bibliotheken im zentral- und osteuropäischen Raum, dem „Österreich-Koffer“ und einer entsprechenden Subventionspolitik, begleitet wurde.

Das hat verschiedene Gründe, etwa den kulturellen und medialen Wandel im europäischen Kontext, der zum Beispiel den österreichischen Film (Haneke, Seidl, Albert) in den Mittelpunkt einer mittlerweile internationalen Aufmerksamkeit gerückt hat. Zudem ist jene kritische 68er- und Post-68er-Generation von Autorinnen und Autoren, die im Bereich von Literatur, Wissenschaft und Kritik dieses Projekt zu ihrem eigenen gemacht haben, in die Jahre gekommen.

Angesichts der Integration der früheren kommunistischen Nachbarländer in die Europäische Union und der unter dem Terminus der „Globalisierung“ gefassten politischen, ökonomischen, aber auch kulturellen Internationalisierungstendenzen muss das Insistieren auf einer eigenständigen, niemals unumstrittenen „österreichischen“ Literatur heute fast zwangsläufig als rückständig, als kleinlich und provinziell erscheinen. (Und dass ausgerechnet Josef Nadler, der berüchtigte Begründer einer völkischen Literaturgeschichte der deutschen Stämme, die schon sehr bald in den Sog des Nationalsozialismus geriet, mit seiner 1948 erschienenen „LiteraturgeschichteÖsterreichs“ zum Begründer der Idee einer eigenständigen Nationalliteratur geworden ist, macht diesen Sachverhalt zweifellos prekär.)

Mit Blick auf einen kulturwissenschaftlichen Zugang, der Literatur als ein ästhetisches Medium, als eine symbolische Formation in einer Kultur begreift, lässt sich diese scheinbar „kleinliche“ Differenz, die in der Vergangenheit einem durchaus fragwürdigen kleinösterreichischen NationalismusNahrung gegeben hat, dahingehend formulieren, dass die österreichische Literatur auch deshalb österreichisch ist, weil sie das kleine neutrale Österreich nach 1945 kulturell (mit)geschaffen hat. Ohne österreichische Literatur und andere Formate (Film, Musik, Popularkultur) kein Österreich. Im Sinne einer Kulturgeschichte der österreichischen Literatur müsste es also darum gehen, jene Ensembles narrativer Grundkomplexe herauszuschälen, die Österreich in unterschiedlicher Form begründet haben und noch immer begründen. Das schließt nicht aus, dass Autoren wie Broch, Musil, Bachmann, Bernhard, Handke und Jelinek auch in anderen kulturellen Kontexten – wie im benachbarten Deutschland – eine spezifische ästhetische, kulturelle oder politische Bedeutung besitzen, aber diese unterscheidet sich, weil Österreich und Deutschland unterschiedliche Erzähl-gemeinschaften bilden. Politisch und kulturell. Die ziemlich zurückhaltende Art, in der beispielsweise in deutschen Feuilletons der Nobelpreis für Elfriede Jelinek aufgenommen wurde,der versteckte Hinweis darauf, dass es sich da um ein regionales Phänomen handeln könnte, spricht in diesem Zusammenhang Bände.

Das mag auch mit jener Selbstbildlichkeit und Autostereotypie zusammenhängen, der sich die österreichische Literatur insbesondere nach 1968 unterworfen hat. Die Rede ist vom Etikett der Anti-Heimatliteratur, dem „problematisierten Heimatroman“, einem Phänomen, das auf geniale wie prekäre Weise zwei Momente österreichischer Befindlichkeit und symbolischer Gestaltung miteinander verbunden hat: eine rhetorisch aufgeladene Kritik an der unseligen Verquickung des eigenen Landes mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und eine Hinwendung zu jenen ländlichen Peripherien, die oftmals – etwa seit Hans Lebert – als realer und symbolischer Ort dieser Symbiose von Österreichertum und Nationalsozialismus angesehen wurden – Orte auch, aus denen viele der Autoren, selbst die prominentesten wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek, Josef Winkler und Peter Handke, stammen, die man nicht umstandslos dieser literarischen Rubrik zuschlagen kann und darf. Wendelin Schmidt-Dengler, der den Anti-Heimatroman mit Brochs „Bergroman“ beginnen lässt, verfährt mit diesem Begriff eher behutsam und defensiv. Als Beleg dafür, dass dieses „Österreichische in der österreichischen Literatur“ zu einem Komplex geworden ist, zitierte er nicht ohne Selbstironie eine Satire von Reinhard P. Gruber ausdem Jahre 1982, die auf ihn selbst gemünzt war: „Der österreichische Germanist W., der für seine Ausflüge in die höheren Regionen bekannt ist, stürzte gestern auf der Suche nach dem Österreichischen in der deutschsprachigen Literatur in eine Gletscherspalte.

Die höheren Regionen der österreichischen Literaturlandschaft, die für ihren kärglichen Bewuchs und damit für ihre unausreichenden Halte- und Sicherungsmöglichkeiten bekannt sind, gleichen zur Zeit einer zerklüfteten, von schroffen Eiswänden durchstandenen Sprachwelt. Nach Aussagen seines Assistenten M. war W. nur mit einer kleinen Sandschaufel ausgerüstet, mit der er nach dem Österreichischen zu schürfen auszog.“ Schmidt-Dengler pariert die offenkundi- ge Kritik, wonach der arrogante, nur an elitärer Höhenlage interessierte Literaturprofessor das spezifisch Österreichische nicht in den grünen Niederungen der Anti-Heimatliteratur suche, elegant und souverän, wenn er den Germanisten noch vor seinem unglücklichen Ende „irgendwelche Guttural- und Jodellaute aus der Gletscherspalte“ von sich geben lässt. Mit dieser Replik stellt sich der Autor indes jener (falschen) Gleichung entgegen, die den Anti-Heimatroman aufgrund seiner zuweilen penetranten semantischen (negativen) Selbstreferenz zum Kern einer „authentischen“ österreichischen Literatur erklären will.

Diese kleine Querele ist im Hinblick auf die Zukunft einer österreichischen Literatur von Belang, die ganz offenkundig diesen Typus von Literatur hinter sich gelassen hat. Der österreichische Anti-Heimatroman gehört zwar unbestreitbar – mit seinen Meriten wie mit seinen Schwächen – zum Symbolbestand der österreichischen Literatur, aber die Einschränkung auf den Dialekt (im unmittelbaren wie im metaphorischen Sinn) schöpft das, was man als österreichische Literatur verstehen kann, keineswegs aus. Dieser Typus von Literatur, der sich zugleich gegen die unschuldige, ländlich imprägnierte Heimat Österreich postiert, scheint, auch in seinen brillantesten Versionen – ich denke etwa an „Auslöschung“ –, in die Jahre gekommen zu sein, und insofern markiert der Nobelpreis für Elfriede Jelinek, die man nicht umstandslos, höchstensin ihrer Intransigenz gegenüber österreichischen Gesamtbefindlichkeiten als Anti-Heimat-Autorin bezeichnen kann, in der Tat nicht den Anfang, sondern eher das Ende einer Periode.

Nicht zufällig – und das hat Schmidt-Dengler scharfsinnig konstatiert – ist eine Wiederentdeckung des Urbanen in der österreichischen Literatur zu konstatieren, jener städtischen Räume, in denen sich heute der kulturelle Wandel im Gefolge eines veränderten Europas, medialen Wandels und anderer Globalisierungseffekte vollzieht. Damit kommt indes neues symbolisches Material ins Spiel, das nicht mehr umstandslos der narrativen Matrix der Anti-Heimatliteratur folgt, deren zeitweiliger Erfolg im benachbarten Deutschland mit einem gewissen alpinen Exotismusbedarf zusammengehangen haben mag. Im Kontext einer deutschsprachigen Literatur fungierte sie als das Fremde im Eigenen, solange das gemeinsame Interesse an einer literarischen Verhandlung einer prekären Vergangenheit im Brennpunkt des öffentlichen Interesses stand.

Wenn also Heimat und Anti-Heimat in der politischen Rhetorik und im literarischen Leben spürbar zurücktreten, wenn 50 Jahre nach dem Tod Heimito von Doderers die Stadt als heterogener und polyphoner Raum ins Zentrum des Interesses rückt, dann muss man sich die Frage vorlegen, was das für Konsequenzen für eine spezifisch österreichische Literatur hat und ob nicht mit dem Auslaufen der Anti-Heimatliteratur ein entscheidendes Moment der Literatura austriaca abhandenzukommen droht. Sprache bildet noch immer ein wichtiges Element für den Gesamtzusammenhang kultureller Gefüge, für das Spiel kultureller Differenzen, ist aber – ein Gedanke, der in den heutigen Kulturwissenschaften gewichtig ist – nicht das einzige Element.

Heute treten andere kulturelle Spezifika in den Vordergrund, Medialität, kollektives Gedächtnis, kultureller Transfer, Religion, Lebensvollzug, symbolische Formen und Praktiken. In all diesen Punkten lassen sich Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Befindlichkeiten feststellen, während die Gemeinsamkeiten mit den anderssprachigen Nachbarkulturen, in der Literatur wie in allen anderen symbolischen Architekturen dieser Länder, bis heute unverkennbar sind: Ironie, Skepsis, das Gefühl für Unwirklichkeit, die Erfahrung von ethnischer Differenz und etatistischer Ordnung, Provinzialität und Selbstüberschätzung – das sind auch Erbschaften einer gemeinsamen „kakanischen“ Vergangenheit.

Kurzum, es ließe sich eine zentraleuropäische, transnationale Literaturgeschichte schreiben, in der Péter Esterházy, Kálmán Mikszáth, Ferdinand von Saar, Thomas Bernhard, Joseph Roth und Bohumil Hrabal, Danilo Ki? und Ivo Andri? (um nur einige zu nennen) Akteure eines gemeinsamen, wenn auch heterogenen „hybriden“ symbolischen Raumes sind, in dem es zwar sprachliche Übersetzung geben muss, dessen gemeinsamer Kontext aber umfangreicher ist als – sagen wir – jener mit Köln oder Bern. ■





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